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  • Ernst Ludwig Kirchners Fränzi -  Öl auf Leinwand in einem doppelseitigen Gemälde um 1911. Leihgabe Kieler Kunsthalle

Eine neue Galerie der Moderne für Schloss Gottorf

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Die Moderne ist zurück auf der Museumsinsel Schloss Gottorf, es gibt wieder einen bedeutenden Ort für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Nach Jahren der Sanierung, Modernisierung und Neukonzeption hält die neue Galerie der Moderne in Schleswig auf 1800 Quadratmetern Ausstellungsfläche über 350 Werke großer Maler und Bildhauer bereit: von Kirchner bis Fetting, Nolde bis Fußmann, von Jawlensky bis Daniel Richter, von Uhlmann bis Hartung. Über zwei Millionen Euro haben der Bund, das Land und die Stiftung SH Landesmuseen Schloss Gottorf in die vor 30 Jahren zum Museum umgebauten Reitställe investiert, um die Meisterwerke der Sammlung Rolf und Bettina Horn sowie die Highlights der Kunstsammlung des Landesmuseums in ein ganz neues Licht zu rücken. Die Kunst des frühen 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart erzählen die beiden Gottorfer Kuratoren Dr. Uta Kuhl und Dr. Ingo Borges erstmals in einer chronologischen Hängung der Werke. Dabei konnten die beiden zum einen auf einige großartige Neuerwerbungen der Stiftung Rolf und Bettina Horn zurückgreifen, zum anderen präsentiert die neue Galerie der Moderne aber auch einige faszinierende Wiederentdeckungen aus den eigenen Museumsbeständen. Ebenfalls noch nie zu sehen gewesen auf der Museumsinsel: spektakuläre Leihgaben der Kieler Kunsthalle und der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde.
  
Das junge 20. Jahrhundert ist in der Kunst eine Zeit des Aufbruchs. Die Gründung der Künstlergruppe Brücke im Jahr 1905 markiert den Beginn des Expressionismus. Ziel der Brücke ist die Einheit von Kunst und Leben, ihre Inspiration finden die Mitglieder im freien Leben und Malen in der Natur. Den fulminanten Auftakt in der neuen Ausstellung geben frühe Gemälde von Alexej von Jawlensky – in ihnen manifestiert sich ein neues Menschenbild. Ebenso aufregend: das Frühwerk von Emil Nolde. Er verbrachte die Winter in Berlin, wo er Varietés, Kabaretts sowie Theater besuchte und das turbulente Leben der Metropole malte. Seine Bilder der Großstadt stehen im Gegensatz zu seinen Landschaften – und ebenso zu den frühen Werken der „Brücke“-Künstler Ernst Ludwig Kirchner oder Erich Heckel, die in Schleswig-Holstein Orte des Rückzugs fanden. So erlebte Kirchner in den Sommermonaten von 1912 bis 1914 auf Fehmarn geradezu einen Schaffensrausch. Einem Expressionisten der allerersten Generation widmet die neue Galerie der Moderne im weiteren Verlauf einen ganzen Raum. Die Rede ist von Georg Tappert. Schon 1910 initiiert er in Berlin die Gründung der Neuen Secession. Diese Vereinigung organisiert bis 1914 maßgebliche Ausstellungen des Expressionismus. Als Künstler interessiert auch Tappert sich im Berlin der „wilden 20er Jahre“ besonders für das Nachtleben und ist wie kaum ein zweiter Maler seiner Zeit vom Verkleiden und dem Rollentausch fasziniert.

Einen epochalen Einschnitt bildet der Erste Weltkrieg zwischen 1914 und 1918. Unter den Millionen Gefallenen sind auch Künstler wie das große Künstlertalent Hans Fuglsang, der im Alter von 28 Jahren 1917 starb. Kunst wird „eine historische Angelegenheit“, so Conrad Felixmüller. Die von Kiel ausgehende Revolution 1918 findet Ausdruck im Kieler Revolutionsexpressionismus; dann in der Novembergruppe. In der Zwischenkriegszeit entstehen Strömungen wie die Neue Sachlichkeit. Zunehmend kommt die Kunst aus der Mitte der Gesellschaft – und wirkt, etwa bei Käthe Kollwitz, in diese zurück. Die NS-Zeit und der Zweite Weltkrieg bringen für viele Künstlerinnen und Künstler Exil, Verfolgung, sogar den Tod. Andere schließen sich dem Nationalsozialismus an und werden Teil des offiziellen Kunstbetriebes. Rolf Nesch, Eduard Bargheer oder auch Hilde Goldschmidt werden von der NS-Diktatur ins Exil getrieben oder werden inhaftiert. Andere fliehen vor dem Terror in den Selbstmord wie Anita Rée oder Alma del Banco oder werden, wie Felix Nussbaum, als Jude verfolgt und ermordet. Der aus Osnabrück stammende Maler geht 1932/33 mit dem Villa-Massimo-Stipendium nach Rom. Die Machtergreifung zwingt ihn und seine ebenfalls jüdische Frau Felka ins Exil nach Brüssel. Dort wird er 1939 beim Einmarsch der Deutschen verhaftet und in einem Lager in Südfrankreich interniert. Ihm gelingt die Flucht, und zusammen mit seiner Frau kann er sich in Brüssel verstecken. In dieser Zeit des Untertauchens entsteht das Hauptwerk Felix Nussbaums, darunter das Gemälde „Zwei Mädchen vor einer Mauer“.

Die Zeit nach 1945 wird von vielen Kunstschaffenden als Befreiung erlebt, der materiellen Not zum Trotz. Wer abstrakt arbeitet, kann nun wieder frei ausstellen. Neue Impulse kommen aus den USA. Abstraktion wird die neue „Weltsprache der Kunst“. Andere sehen gerade in der Gegenständlichkeit eine Möglichkeit, ihre Zeit in Bildern zu fassen. Werner Heldt malt in den Trümmern Berlins seine stärksten Bilder – melancholische Stadtlandschaften, Berlin als „Stadt am Meer“. Der Gegensatz zwischen abstrakter und gegenständlicher Kunst kulminiert im Streit zwischen Willi Baummeister (1889–1955) und Karl Hofer (1878–1955), die zu den Protagonisten dieser Pole werden. Baumeisters abstrakte Werke stehen für Neuanfang. Karl Hofer wird dagegen als unzeitgemäß betrachtet. Diese Polarisierung prägt die Wahrnehmung der Kunst dieser Jahre noch lange.
Eine norddeutsche Reaktion der 1960er Jahre ist die figurative Malerei der Gruppe ZEBRA. Als spätere Gegenbewegung zur beherrschenden Abstraktion formieren sich in den 1980er Jahren auf Initiative von Nikolaus Störtenbecker die Norddeutschen Realisten, die sich bekanntlich vor allem der Pleinair-Malerei verschrieben (in der Galerie zu sehen sind u.a. Werke von Klaus Fußmann, Friedel Anderson und auch Christopher Lempfuhl) und international die Neuen Wilden mit Rainer Fetting als einem ihrer wichtigsten Protagonisten.
Die neue chronologische Präsentation reicht vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Sie zeigt unterschiedliche, teils gleichzeitige Entwicklungen mit Brüchen und Widersprüchen, Innovationen und Kontinuitäten. Ein Schwerpunkt liegt auf der Kunst aus Norddeutschland. Jedes Werk steht für sich und öffnet zugleich einen Blick in die Geschichte. In der Kunst kristallisiert sich – in den Worten Ernst Ludwig Kirchners – „ein Bild der Zeit“.

Galerie der Moderne mit den Sammlungen der Stiftung Rolf und Bettina Horn
und des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte
geöffnet Dienstag bis Freitag 11 bis 17 Uhr | Samstag und Sonntag 10 bis 17 Uhr
Information und Ticketing: email: service@landesmuseen.sh
Telefon: +49 4621 – 813222 | Internetseite: www.landesmuseen.sh

Kuratoren der Ausstellung:
Dr. Uta Kuhl uta.kuhl@landesmussen.sh
Dr. Ingo Borges ingo.borges@landesmuseen.sh

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