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„Gerettet, aber nicht befreit“ (28. Februar - 20. Juni 2021)

Umfassende Forschung zu Überlebenden der Shoah in Schleswig-Holstein

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„Wir sind gerettet, aber nicht befreit.“ Dieses Zitat von Norbert Wollheim (1913-1998), der nach 1945 der erste Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Lübeck war und sich Zeit seines Lebens für Shoah-Überlebende eingesetzt hat, gibt den Titel für eine Ausstellung, die vom 28. Februar bis 29. November in Rendsburg zu sehen ist. 75 Jahre nach Kriegsende erzählt das Jüdische Museum erstmals die Geschichte(n) der wenigen Shoah-Überlebenden in Schleswig-Holstein. Die „Friede-Springer-Stiftung“ fördert das gesamte Projekt, mit dem eine Forschungslücke geschlossen wird.

Hinter Museumsleiter Jonas Kuhn und seinem Team liegt eine mehr als einjährige intensive Vorarbeit und Recherche in verschiedenen Archiven in der gesamten Bundesrepublik und in privaten Sammlungen. So konnte Jonas Kuhn unter anderem im Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland mit Sitz in Heidelberg erstmalig Materialien sichten, die in die Ausstellung und den Begleitkatalog Eingang gefunden haben. „Wir zeigen Bilder, Dokumente und Lebensgeschichten, die bislang völlig unbekannt waren und so in keinem Geschichtsbuch zu finden sind. Sie sind schwer zu glauben, empörend und ergreifend. Durch das Engagement und die Unterstützung vieler Menschen ist es uns gelungen, in eine Zeit voller Widersprüche, etwas Licht zu bringen“, sagt Jonas Kuhn.

Rückblick: Als im Frühsommer 1945 der Krieg vorbei ist, hat er tiefe Spuren hinterlassen - im Land, in den Städten und bei den Menschen. Nichts ist mehr, wie es vorher war. Das gilt besonders für eine kleine Zahl von Menschen, die von den Nationalsozialisten als Jüdinnen und Juden verfolgt worden waren. Sie haben Jahre der Angst und des Schreckens in Lagern, auf Todesmärschen und in Verstecken hinter sich, als sie gerettet werden. Frei leben können sie aber noch lange nicht. Sie sind oft schwerkrank, leben weiterhin in Lagern oder unter ärmlichen Bedingungen. Niemand empfängt sie mit offenen Armen. Niemand fühlt sich für sie verantwortlich. Niemand interessiert sich für ihre Geschichten.

Sie alle hoffen auf einen Neuanfang, hoffen darauf ihre Freunde und Verwandte wiederzusehen und hoffen auf Gerechtigkeit. Doch diese Hoffnungen werden oftmals bitter enttäuscht. Daher kommt für die meisten Menschen ein Bleiben in Deutschland nicht infrage. Sie wollen so schnell wie möglich weg. Doch viele warten jahrelang auf eine Möglichkeit zur Auswanderung. Wer in Schleswig-Holstein bleibt, der muss kämpfen um das tägliche Überleben, um 'Wiedergutmachung', gegen den überall offen zu Tage tretenden Alltagsantisemitismus und mit den Nationalsozialisten, die während der Nachkriegszeit in Schleswig-Holstein überall freundlich wieder integriert werden.

Neben den große Entwicklungslinien der Zeit nach 1945 und einer Übersicht über die schwierigen Lebensbedingungen der Shoah-Überlebenden in Schleswig-Holstein nach Kriegsende wirft die Ausstellung auch einen Blick auf einzelne Biografien. Insgesamt sind es zutiefst bewegende Lebensläufe, die beispielhaft dafür stehen, wie die Verfolgten trotz vieler Hindernisse und Anfeindungen den Weg zurück ins Leben gefunden haben. Neben Norbert Wollheim sind das der 1925 geborene Benjamin Gruszka, der noch heute in Israel lebt, Wally Marth (1910-1979), Emil Wolff (1917-1999), Georg Chaikin (1899-1966), Gertrud Eickhorst (1896-1973), Jonni Hirsch (1889-1976), Valeska Gert (1892-1978) sowie Heinrich Waack (*1928), der 1950 nach Brasilien auswanderte und in Sao Paulo lebt.

Ein weiteres Angebot in der Ausstellung ist die Station „Label Dich selbst“, in der sich Besucher aktiv mit Vorurteilen auseinandersetzen können, indem sie sich selbst etikettieren. Wie sehen sie sich selbst? Wie sehen andere sie? Diese Etiketten werden an einer Wand in der Ausstellung gesammelt. „Wir teilen Menschen mitunter in Kategorien ein, um schneller begreifen zu können, mit wem wir es vermeintlich zu tun haben“, so Jonas Kuhn. „Aber wie oft stecken wir einen Menschen in eine Schublade, ohne ihn wirklich gesehen zu haben?“

Für Schulen bietet das Museum eine „Lernwerkstatt“ an, die sich an Schüler der neunten bis 13. Klasse wendet: Wie leben die ehemals Verfolgten in Schleswig-Holstein? Gemeinsam mit den Jungen und Mädchen wird diese Zeit anhand von Biografien, Fotos und Archivmaterialien erfahrbar gemacht. Informationen dazu erteilt Mirjam Gläser: mirjam.glaeser@landesmuseen.sh, telefonisch unter 04331 440430.

Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog mit wissenschaftlichen Aufsätzen und Biografien. Er umfasst 252 Seiten und kostet 20 Euro. Der Druck wird gefördert vom Freundeskreis Jüdisches Museum.

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